Isla // Kulturgeschichte zum Reinbeissen

Kulturgeschichte zum Reinbeissen

3.000 Bäume gegen den Identitätsverlust: Montserrat Pons sammelt Feigenbäume. Für ihn sind Feigen das Identitätszeichen der Balearen schlechthin. Sie wachsen seit fast 2000 Jahren auf Mallorca.

Manche sammeln Briefmarken, andere Oldtimer. Montserrat Pons sammelt Feigenbäume. 3.000 hat er schon in seiner Kollektion. Die passt weder ins Album noch in die Garage: 18 Hektar Land braucht der pensionierte Apotheker aus Llucmajor für sein Hobby. Zum Glück hat er das Grundstück geerbt. Es liegt hinter einem Golfplatz und in der Nähe eines Nobelhotels, nicht weit von der Schnellstraße Palma-Llucmajor. Montserrat Pons hätte mit dem Land vielleicht sehr viel Geld verdienen können. Verkaufen, verpachten, eine Rennstrecke bauen, wie es auf der anderen Seite der Straße geschehen ist. Aber nein, Pons will das Kulturerbe seiner Insel bewahren. Und Feigen sind ein wichtiger Teil dieses Erbes, denn ihre Früchte erzählen Mallorcas Geschichte. Mindestens seit dem ersten Jahrhundert nach Christus wachsen auf den Balearen Feigenbäume. „Der älteste Kulturbaum, den wir hier haben“, sagt Pons. Gebracht haben ihn die Phönizier und Römer. Botanische Beschreibungen aus dem Jahr 1248 zeigen, welche Sorten die ältesten sind. „Es gibt keinen Baum, der die Wirtschaft und Kultur der Inseln mehr geprägt hätte“, sagt er.
Für ihn sind Feigen das Identitätszeichen der Balearen schlechthin. Seine 1.300 Sorten auf der Finca Son Mut Nou stammen aus 64 Ländern. Botanische Gärten, Baumschulen und Freaks, wie Pons, schicken ihm Ableger. Die werden monatelang im Topf gepäppelt, bis sie Wurzeln bilden und Triebe zeigen. Dann bekommen sie einen Platz in den langen Baumreihen auf dem Feld. Die Bäume stehen exakt 13 Meter auseinander und die Reihen sind so angelegt, dass ein Wassertankwagen dazwischen fahren kann. Die jungen Feigenbäume werden mit dem Schlauch gegossen, das Wasser holt Pons aus einem Brunnen auf der Finca. Für ein Bewässerungssystem reicht sein Geld nicht. Pons und seine Mitarbeiterin schützen die Setzlinge mit einem Plastikkragen am Stamm gegen Wildkaninchen und hängen ein Etikett mit der Art an einen Ast. Auf den Zetteln steht zum Beispiel „Princesa“, „Nazaret“, „Calderona“ oder „Wuhan“. Einheimische Sorten tragen so schöne Namen wie „Bonjesusa“ (Heilige Jesusin) oder „Coll de Dama“ (Damenhals).
Zur Sicherheit hat er einen Pflanzplan angelegt, auf dem jeder Baum identifiziert und kommentiert wird. Die Plantage ist bestens gepflegt, alle Bäume perfekt beschnitten, kein Gras wächst zwischen den Stämmen. Würde Pons die Bäume einfach wachsen lassen, hätte er bald ein Feigenbaum-Dickicht. Feigenbäume sind eigenwillig: Sobald ein Zweig den Boden berührt, schlägt er Wurzeln und ein neuer Baum entsteht.
Man merkt es schnell: Hier ist ein Mensch mit Ordnungssinn und mit Leidenschaft am Werk. Montserrat Pons kommt ins Schwärmen, wenn er von alten Sorten spricht. „Wenn es diese Finca nicht gäbe, wären viele wohl schon ausgestorben.“
Auf den Balearen hat er 240 Sorten registriert. „Jedes Dorf hatte seine eigenen Sorten“, erzählt er, „die Leute lebten hier nach dem Selbstversorgerprinzip, Austausch gab es kaum.“

Feigenbäume mögen es trocken und heiß

Auf der Finca Son Mut Nou wachsen 1.300 Sorten, Feigen sind nicht gleich Feigen.
Dreimal die Woche kann man im Sommer vormittags die Finca besuchen und Feigen ernten. Bezahlt wird nach dem Marktpreis, der geht im Spätsommer auf bis zu drei Euro runter. Besucher bekommen einen Stock mit Astgabel in die Hand gedrückt, um damit Zweige heran zu ziehen. Sonnenhut und geschlossene Schuhe sind ratsam. Dann kann es losgehen.

Doch wo anfangen? Pons fragen. Er erklärt, in welcher Ecke der Plantage reife Feigen am Baum hängen. Diesen Winter hat es besonders viel geregnet, sodass die Früchte groß und saftig sind. Ein Tipp für Anfänger: Erst probieren, dann mit der Ernte beginnen. Feigen sind nicht gleich Feigen. Es gibt grüne und dunkelviolette, trockene und saftige, süße und herbe, runde oder schlauchförmige. Beim Pflücken sollte man die Frucht nicht verletzten, am besten mit den Fingern von dem Knoten abknipsen, mit dem sie am Ast verwachsen ist. So halten Feigen länger im Kühlschrank, bis zu fünf Tage.

Mallorquiner essen die Früchte normalerweise frisch und trocknen einen Teil der Ernte für den Winter. Nahrhaftes Feigenbrot hat früher viele Landarbeiter durch den Tag gebracht.
Auf den großen Landgütern, den Possessions, teilten die Gutsverwalter die Feigenernte den Frauen zu. Mit dreibeinigen Leitern, flachen Körben und breit-krempigen Sonnenhüten ausgestattet, verbrachten sie die heißesten Tage des Jahres unter den Bäumen. Um sich die ermüdende Arbeit zu erleichtern, sangen sie. Bis heute sind eine Menge Lieder zur Feigenernte erhalten.

Früher war Mallorca von Feigenbäumen übersät, 22.000 Hektar waren es 1950, heute sind es noch 800 Hektar. Die ausladenden Bäume mit den großen Blättern wurden nicht nur der Früchte wegen gepflanzt, sondern auch als Schattenspender für die Schafe. Was heute als Delikatesse gilt und zu Beginn der Saison bis zu zehn Euro pro Kilo kostet, war früher das Brot der Armen. Deswegen verbinden vor allem ältere Insulaner etwas ganz anderes mit der Frucht als Auswärtige. Viele Grundbesitzer lassen die Früchte heute am Baum verfaulen, zur Freude der Insekten, die sich an vergorenen Feigen auch mal berauschen können. Viele verfüttern die Feigen an ihre Schweine. Mit Feigen gemästete Schweine geben beim Schlachten im Winter besonders gutes Fleisch, heißt es.
Die größte Feigenbaum-Tradition haben der Inselsüden und die Inselmitte. Hier, wo es trocken und heiß ist, gedeihen Feigen prächtig.
Sind die Bäume erst einmal angewachsen, brauchen sie kein Wasser mehr. Montserrat Pons berät und verkauft Bäumchen verschiedener Sorten. Den Pflanzort sollte man sich genau aussuchen. Da sie extrem lange, kräftige Wurzeln haben, die sehr tief wachsen, sollte man Feigenbäume nicht in die Nähe eines Hauses oder gar einer Zisterne oder eines Brunnen pflanzen. Es gibt immer wieder Geschichten von Feigenbäumen, die das Trinkwasserdepot ihrer Besitzer leergesaugt haben.

Text: Brigitte Kramer Foto: Corinna Cramer

Son Mut Nou
Camí des Palmer ohne Nummer,
Llucmajor

Besuchszeiten:
Dienstags, donnerstags und
samstags zwischen 9 und 14 Uhr. Wer nichts kauft, sollte eine
Spende geben. Im Geschäft gibt es selbst gemachte Marmelade,
Chutney, Likör, Essig, Feigenbrot und getrocknete Feigen.
Telefon: +34-971-66 03 95
oder +34-646 63 32 59


Son Mut Nou

Die größte Feigenbaum-Tradition haben der Inselsüden und die Inselmitte.

Besucher bekommen einen Stock mit Astgabel in die Hand gedrückt, um damit Zweige heran zu ziehen. Sonnenhut und geschlossene Schuhe sind ratsam. Dann kann es losgehen.
Doch wo anfangen? Pons fragen. Er erklärt, in welcher Ecke der Plantage reife Feigen am Baum hängen. Ein Tipp für Anfänger: Erst probieren, dann mit der Ernte beginnen. Feigen sind nicht gleich Feigen.

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