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Freak & Schöpfer

Miguel Adrover war ein Star in der New Yorker Modewelt. Zurück auf Mallorca präsentiert der Künstler aus Calonge seine erste Fotoausstellung in Santanyí. Text: Jutta Christoph Foto: Oliver Brenneisen

Die Installation, die Miguel Adrover spontan in seinem Studio in Calonge inszeniert, ist für den Fotografen. Drei Kartons dienen als Basis, darauf arrangiert er lose Tierhörner, Totenköpfe, Ledergürtel, Damenhüte. Auch einen Aquarellkasten, eine Fußfessel, die Beine einer Schaufensterpuppe und den ausgestopften Fasan seines Großvaters, an den Schnabel hängt er dem Federvieh ein Eisenkreuz. „Jetzt fehlt noch etwas Organisches“, sagt der Künstler und schwebt im bodenlangen Kleid in den Garten, um eine Minute später mit zwei Rosen zurückzukommen.
Die langen Haare fallen ihm lose über die Schultern, seine hagere, 1,90 Meter hohe Statur verleiht ihm etwas Mannequinhaftes. Posieren kann er, wie das geht guckte sich der Designer in den Jahren in New York von den Models ab. Sein Kleid trägt ein Motiv von Zugvögeln und wirkt wie ein Gemälde am Körper. Für das nächste Foto streift er einen goldfarbenen Faltenrock über, ebenfalls aus einer seiner früheren Kollektionen. Die Falten wurden mit heißem Karton in den Stoff geprägt, die Oberfläche wirkt wie ein Federkleid.
Vom Darling der Modewelt zurück auf die
elterliche Mandelfinca bei Santanyí – der Umbruch in Miguel Adrovers Leben hätte nicht größer sein können. Das Haus in Calonge, in dem er seit vier Jahren lebt, ist 770 Jahre alt. Es hat Elektrizität, aber gleichzeitig ist es wie eine Höhle mit meterdicken Wänden. Fünf Generationen seiner Familie haben schon darin gelebt.
Jetzt übernachten manchmal Airbnb-Gäste in der Wohnung im Obergeschoss oder es kommen Größen der Modeszene auf einen Kurzurlaub vorbei. Das Gärtnern half dem früheren Stardesigner, sich in seinem neuen Leben auf dem Land zurechtzufinden.

Ich bin Autodidakt.

Auf der Finca schuf er einen tropischen Garten, rund 400 Rosensorten aus England, Deutschland, China und dem Iran setzte er in die mallorquinische Erde. Und im Frühjahr blühen auf dem Gelände, wo er als Kind Indianer spielte, über 3.500 Tulpen. „Ich bin Autodidakt, mein ganzes Leben lang“, sagt der 52-Jährige, dessen Entwürfe im Victoria & Albert Museum in London hingen und im Bestand des Metropolitan Museum of Art in New York sind. Als Kind flog Miguel Adrover mit zwölf Jahren von der Schule, die Begründung: „Du wirst nie etwas lernen.“
Fortan half er seinen Eltern auf der Finca, mit 18 zog er nach London, wo er sich der Punkszene anschloss und mit Putzjobs über Wasser hielt. Einige Jahre später verschlug es den jungen Wilden nach New York, über einen befreundeten Schneider kam er zufällig mit Mode in Berührung. Kleidung war für ihn der gefundene Weg, sich auszudrücken und auf die Missstände der Welt aufmerksam zu machen. Anna Wintour, die berühmt-berüchtigte Chefredakteurin der Vogue, war von seiner Arbeit begeistert und Miguel Adrover wurde über Nacht zum Star. Als die aufwendigen Kampagnen und der Verkauf der Kollektionen mehr Zeit und Kraft in Anspruch nahmen als der kreative Teil, schmiss er hin. „Die Modeindustrie lähmte mich. Ich spielte nur noch eine Rolle“, so Miguel Adrover, der als ein Pionier des Upcyclings gilt, also neue Kleidung aus alter machte. 2008 rief die deutsche Bio-Modefirma Hessnatur bei dem Designer an, und er schöpfte neue Hoffnung: „Ich wollte die Ökomode revolutionieren, mit der Marke den Durchbruch in Europa schaffen.“
Nach vier Jahren verließ er die Firma, man habe seine Ideen nicht verstanden, so Miguel Adrover. Danach riefen viele an, um mit ihm zusammenzuarbeiten, doch der Mallorquiner glaubte nicht daran,
an den alten Ruhm anzuknüpfen: „Erst als ich anfing Kunst zu machen, fühlte ich mich wie neugeboren.“
Auf dem Anwesen seiner Eltern gibt es einen verlassenen Wasserspeicher, wo früher Regen gesammelt wurde. Darin sind viele der 19.000 Fotos entstanden, von denen er einige im April in der Galerie an der Plaça Canals in Santanyí erstmals ausstellte. Diesmal hat er seine Werke komplett allein produziert, ohne Stylisten, Produzenten, Assistenten, Modisten, Choreographen, Models, Publizisten. Das Ergebnis ist frappierend. Sind es Gemälde oder sind es echte Personen, die dort abgebildet sind? Nicht immer ist das eindeutig. Eines Tages trug Miguel Adrover Schaufensterpuppen, ein Überbleibsel aus der New Yorker Zeit, in den Garten. Dekorierte ihre Gesichter mit Blättern von Tulpen, legte ihnen Gewänder aus Plastik, Tüchern und Netzen für Mandelbäume an und fotografierte sie mit seiner alten Digitalkamera. Er benutzt bewusst keine Menschen, weil er ihnen für die Kunstfotografie nicht traut: „Mädchen und Models tun etwas oder zeigen eine Emotion. Aber am Ende ist es nicht wahr.“ Er hat die Kunst gemacht, ohne einen Kunden im Kopf zu haben und ohne darüber nachzudenken, ob die Leute es mögen oder nicht.
Dabei verwendet er tote Materie, Aquarell, Plastik, Blut und Stoffe aus seinen Kollektionen. Mit Schminke verleiht er den leblosen Gesichtern bizarr-lebendige Ausdrücke, mit den Hintergründen im Garten und unterirdisch im Brunnen erzeugt er Stimmung. Künstliche Lichtquellen gibt es nicht, die Fotos werden auch nicht am Computer nachbearbeitet. Seine Kunst ist vieles gleichzeitig: nüchtern, melancholisch, heilig, barock, apokalyptisch, dekorativ, gesellschaftskritisch. Eigentlich müsste er jetzt in den USA sein, im Rampenlicht stehen, eine Stimme haben, so Adrover. Er sagt: „Trump verletzt mein Herz.“ Seine Accounts bei sozialen Netzwerken hat er vor vier Jahren gelöscht, sein Handy abgegeben. Aber er hat Internet und ist mit der Welt verbunden. „Ich weiß, was in Syrien, in Ägypten, in Deutschland und in den Vereinigten Staaten passiert“, sagt Miguel Adrover, der sich selbst als „ökologischen Terroristen“ bezeichnet. Seine Bilder sollen die Wirklichkeit reflektieren und die Alarmglocken schrillen lassen. Sie würden aber auch ein Gefühl übermitteln, „die Leute haben auf der Ausstellung geweint“, erzählt der Künstler, der jedes Bild in einer limitierten Edition von drei Exemplaren anbietet, Preis: 2.500-13.000 Euro.

Ein unbeirrbarer Freak und Avangardist

Auf der Vancouver Biennale

Als Nächstes reisen seine Arbeiten zur Vancouver Biennale, er hat auch Anfragen von Galerien wie Gagosian in New York bekommen, die seine Bilder ausstellen wollen – trotz Abkapselung, die Kontakte sind noch reichlich vorhanden. Für den Fotografen inszeniert er ein letztes Foto auf einer alten Llaut, eine Arche Noah, die für immer vor seinem Studio gestrandet ist. Gehüllt in ein weißes Gewand, mit einem weißen Turban auf dem Kopf rudert Miguel Adrover zu noch unbekannten Ufern. Die Inszenierung ist spontan, er muss nichts mehr stellen, niemanden mehr beeindrucken. Er fühlt sich als Narr, der dem Kommerz den Spiegel vorhält. Ein Freak und Avantgardist, der sich von der (Kunst-)Welt nicht beirren lässt.

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